Wir stehen vor einer Entscheidung​

Am Anfang unserer Initiative steht die enorme gesellschaftliche Herausforderung, eine soziale Antwort auf die Klimakrise zu finden, die den wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht.

Benennen wir die Dinge beim Namen. Die bisherigen Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung und der Weltgemeinschaft sind völlig unzureichend. Wenn wir in den nächsten Jahren nicht endlich handeln, wird es zu einer Klimakrise kommen – global, aber auch direkt vor unserer Haustür in Deutschland.

Die Erdoberfläche wird immer wärmer (Vergleich 1880 bis 2019)
Quelle: NASA

Die Erdoberfläche wird immer wärmer (Vergleich 1880 bis 2019). Quelle: NASA

Buschbrände in Australien, 2019

Die negativen Folgen

Die negativen Folgen der globalen Erwärmung waren im vergangenen Jahr bereits deutlich spürbar. In Australien befeuerte der Klimawandel etwa die sommerlichen Waldbrände – binnen weniger Monate verlor das Land ein Fünftel seiner Bäume. In Ostafrika kam es durch eine ungewöhnlich starke Dürre zu einer Hungerkatastrophe, während die Philippinen unter massiven Überschwemmungen litten.

Und auch Deutschland war von klimabedingten Wetterextremen betroffen: Unter anderem aufgrund der enormen Ernteeinbußen schafften wir es 2018 auf Platz 3 des weltweiten Klima-Risiko-Indexes.

Buschbrände in Australien, 2019

Die aktuellen Auswirkungen sind aber nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was der Klimawandel in Zukunft anrichten könnte. Wie ernst die Lage ist, betonten zuletzt mehr als 11.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer gemeinsamen Erklärung: Sie forderten das Ausrufen eines weltweiten Klimanotstandes und einen immensen Handlungszuwachs im Klimaschutz um „unsägliches Leid“ zu verhindern.

Was steht konkret auf dem Spiel?

Schon bei einer relativ „moderaten“ Erderwärmung von 2°C könnten Überschwemmungen und Dürrekatastrophen laut Weltklimarat (IPCC) bis zu 280 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertreiben. Unser Planet würde bei zwei Grad plus zudem bereits einen wertvollen Teil seiner Schönheit und Artenvielfalt einbüßen. Die Korallenriffe würden beispielsweise weltweit komplett absterben.

Kipp-Punkte

Zu bedenken ist vor allem, dass wir uns mit jeder Tonne ausgestoßenem CO2, mit jedem Zehntel Grad Erwärmung, „ökologischen Kipppunkten“ annähern, durch die der Klimawandel eine vollkommen unkontrollierbare Eigendynamik entwickeln kann.

Ein Beispiel: Die Erderwärmung lässt Permafrostböden – also Böden, die das ganze Jahr über gefroren sind – schmelzen, wodurch das in ihnen gespeicherte Treibhausgas Methan freigesetzt wird, das dann den Klimawandel weiter anheizt, weswegen noch mehr Permafrost schmilzt und so weiter.

Wissenschaftler*innen haben eine Vielzahl solcher potenzieller Dominoeffekte identifiziert. Werden sie einmal in Gang gesetzt, sind sie nicht mehr zu stoppen – und die Verwüstung weiter Teile unseres Planeten wäre vorprogrammiert.

Die Erderwärmung wirkt sich auf alle Bereiche unserer Erde aus.

Das Pariser Abkommen

Um diese gefährlichen Kettenreaktionen zu verhindern, hat sich die Staatengemeinschaft im Pariser Abkommen darauf geeinigt, die globale Erwärmung auf „deutlich unter 2°C“, möglichst 1,5°C, zu begrenzen. Bloß reichen die Maßnahmen, die die Staaten – inklusive Deutschland – bislang versprochen oder umgesetzt haben, bei weitem nicht aus, um dieses Ziel zu erreichen.

Die Treibhausgasemissionen sind weiter hoch, die Temperaturen steigen – und uns läuft die Zeit für wirksamen Klimaschutz davon. Je länger wir warten, desto drastischer werden die Einschränkungen, die wir in der Zukunft hinnehmen müssen, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.

In der öffentlichen Debatte wird teilweise so getan, als gäbe es zur Erreichung der Klimaziele ein ENTWEDER-ODER. Entweder Wind oder Solar, entweder Fleischessen reduzieren oder Autofahren. Der Weltklimarat widerspricht dem eindeutig. Richtig ist: Wir müssen an allen Stellschrauben gleichzeitig drehen, um unsere Lebens- und Friedensgrundlagen für die kommenden Generationen zu sichern. Für die Klimaziele kann es nur noch ein SOWOHL-ALS-AUCH geben.

Was heißt das jetzt konkret?

Alle Bereiche müssen drastische Einsparungen leisten und der größte Teil dieser Einsparungen muss JETZT geschehen. Zum Beispiel müssen wir nicht nur bei der Energiewende Ernst machen. Wir brauchen auch eine Verkehrs-, Gebäude-, Industrie und Agrarwende.

Das Ziel: Klimaneutralität bis spätestens 2050.

Ab dann dürfen wir nur noch so viele Treibhausgase ausstoßen wie sogenannte „Klimasenken“ (z. B. Bäume) wieder einfangen. Sprich: Netto-CO2-Fußabdruck gleich null.

Die Klimakrise geht uns alle an!

Der Klimawandel betrifft jeden Bereich unseres Lebens. Wie wir wohnen, wie wir uns ernähren, wie wir uns bewegen, wie wir Urlaub machen. Genauso berühren natürlich auch Maßnahmen, um das Klima zu schützen, uns alle auf vielfältige Weise. Deswegen finden wir, dass wir einen gesellschaftlichen Dialog darüber brauchen, wie eine ehrgeizige und soziale Klimapolitik aussehen soll.

In welchen Sektoren müssen die Emissionen zuerst sinken? Brauchen wir Verbote oder eher Anreize, um Veränderungen zu bewirken? Welche Auswirkungen haben Klimaschutzmaßnahmen auf unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft und wie gehen wir mit den „Verlierern“ um? Es gibt viele Fragen zu diskutieren!

© Involve Foundation
Bürgerrat im Vereinigten Königreich

Bürger*innenrat

Durch einen Bürger*innenrat können „ganz normale Menschen“ Verantwortung für den Klimaschutz übernehmen – nicht mehr nur als Konsument*innen oder Wähler*innen, sondern indem sie konkret an den politischen Lösungen mitarbeiten. Wir sehen in dem klimabedingten Veränderungsdruck deshalb auch eine Chance, positive und bürgernahe Zukunftsvisionen für unser Land zu entwickeln. Der Bürger*innenrat ermächtigt Personen aus der allgemeinen Bevölkerung, die Umbrüche der kommenden Jahre miteinander auszuhandeln und zu gestalten. Gemeinsam können wir Deutschland dabei nicht nur klimaneutral, sondern auch sozial gerechter, bunter, lebenswerter und inklusiver machen.

Bürger*innenräte sind also viel mehr als nur ein Instrument, um die soziale Akzeptanz von klimapolitischen Maßnahmen zu erhöhen. Sie sind ein Biotop für neue Ideen, ein Ort, an dem wir andere Perspektiven und Menschen kennen und schätzen lernen können – und dadurch letztendlich ein wichtiger Wegbereiter gesellschaftlicher Veränderungen. Kein Wunder also, dass inzwischen auch viele Wissenschaftler*innen die Einführung von Bürger*innenräten zur Klimapolitik unterstützen – in Deutschland z. B. der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderung (WGBU), das zentrale nationale Gremium zum Klimaschutz.

Kurz: Die wissenschaftlichen Fakten lassen sich nicht bestreiten – wir müssen Deutschland klimaneutral machen, spätestens bis 2050. Die Frage ist: Wie nutzen wir als Gesellschaft unseren Handlungsspielraum, um dieses Ziel zu erreichen? Ein Bürger*innenrat kann uns helfen, diese Frage unter Berücksichtigung möglichst vieler Interessen und Meinungen zu beantworten.